Fraunhofer ISI

Versorgerverpflichtung kann ein kostengünstiges Modell für mehr Erneuerbare Energien im Wärmesektor sein

27.3.2017

Um die Nutzung von Erneuerbaren Energien zur Wärmeerzeugung umfassend zu fördern, hat die EU-Kommission vor rund einem Jahr ihre viel beachtete Wärme- und Kältestrategie vorgeschlagen. Diese berücksichtigt zum ersten Mal die Wärme- und Kälteerzeugung in ihrer Gesamtheit. Ein vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI koordiniertes Konsortium unterstützt die EU-Kommission mit wissenschaftlichen Studien bei der Weiterentwicklung der Wärme- und Kältestrategie.

Die Bereitstellung von Wärme und Kälte macht mit etwa 50 Prozent den größten Anteil am Energieverbrauch der Europäischen Union aus, sogar der Anteil für Mobilität ist mit 35 Prozent deutlich geringer. In Deutschland ist die Bedeutung der Wärme- und Kälteerzeugung mit 55 Prozent sogar noch höher. Gleichzeitig nimmt die Nutzung Erneuerbarer Energien in den meisten Mitgliedstaaten nur langsam zu; vor allem die Wärmeerzeugung ist nach wie vor durch den Einsatz fossiler Energieträger wie Erdgas, Heizöl und Kohle geprägt.

Im ersten Teil des Projekts „Mapping EU heat supply“ erstellte das vom Fraunhofer ISI koordinierte Konsortium aus Fraunhofer ISE, TEP Energy, TU Wien, Observer und IREES eine lückenlose Energiebilanz für den Wärme- und Kältesektor aller EU-Länder. Diese soliden Daten dienten der EU-Kommission als Basis für den Entwurf der Wärme- und Kältestrategie. Der jetzt veröffentlichte zweite Teil der Studie enthält Szenarien zur Entwicklung der Wärme- und Kälteversorgung der EU bis zum Jahr 2030. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf möglichen Förderinstrumenten zur Steigerung des Anteils Erneuerbarer Energien.

Energieversorger sollen mehr Erneuerbare Energien bereitstellen

Die Studie untersucht unter anderem, welche Wirkungen es haben kann, wenn Gas- und Öllieferanten verpflichtet werden, jedes Jahr eine bestimmte Menge an Erneuerbare Energien für die Wärmebereitstellung in den Markt zu bringen. Den Energieversorgern wäre dabei selbst überlassen, mit welchen Technologien sie die Quote erfüllen beziehungsweise welchen Anreiz sie dazu beim Endkunden schaffen. Ein Beispiel ist, Wärmepumpen, Biomassekessel und Solarthermiekollektoren in Gebäuden oder zur Prozesswärmebereitstellung in Industriebetrieben direkt zu fördern. Eine andere Möglichkeit wäre der Zukauf von Zertifikaten von Energiedienstleistern, die darauf spezialisiert sind, entsprechende Projekte umzusetzen.

Dr. Jan Steinbach, einer der Koordinatoren des Projekts am Fraunhofer ISI, betont: „Der Grundgedanke der Versorgerverpflichtung ist, den Ausbau Erneuerbarer Energien im Wärmebereich möglichst kostengünstig zu schaffen und alle zur Verfügung stehenden Technologien gleichermaßen zu behandeln. Unsere Modellrechnung zeigt nämlich, dass sich die Quote nur mit der Nutzung verschiedener Technologien erfüllen lässt, da die Wirtschaftlichkeit sehr von der jeweiligen Einbausituation abhängt.“

Um die Wirkung der Versorgerverpflichtung zu modellieren, wurden Szenarien berechnet, in denen diese Verpflichtung die derzeitigen nationalen Förderinstrumente ersetzt. Dr. Tobias Fleiter, der das Projekt gemeinsam mit Jan Steinbach koordiniert hat, fasst zusammen: „Eine Versorgerverpflichtung als zentrales Politikinstrument zur Förderung Erneuerbarer Energien im Wärmebereich hat das Potenzial, die europäischen Ausbauziele für erneuerbare Energieträger zu sehr geringen Kosten zu erreichen: Ein Anteil von 30 Prozent Erneuerbaren Energien in der EU im Jahr 2030 ist realistisch, verlangt aber zusätzliche Maßnahmen. Die Versorgerverpflichtung könnte diese Lücke füllen. Würde sie optimal umgesetzt, wäre zur Finanzierung lediglich ein Aufpreis von 0,1 Cent je Kilowattstunde verkauftes Heizöl und Erdgas nötig.“

Abschaffung der Förderung fossil betriebener Heizkessel

Damit neue Instrumente zur Förderung Erneuerbarer Energien effizient funktionieren können, müssen zugleich bestehende Subventionen auf fossile Wärme-Techniken gestrichen werden. Ein Beispiel ist die Förderung fossil betriebener Heizkessel in Deutschland: Die Abschaffung dieser Förderung kann bereits bis 2030 signifikante Auswirkungen auf den Ausbau Erneuerbarer Energien im Wärmebereich haben, da so die sogenannten Lock-in-Effekte durch vermeintlich kurzfristige Einsparungen verhindert werden: Ein fossiler Heizkessel, der heute installiert wird, wird vor 2030 und teilweise auch nicht mehr vor 2050 ausgetauscht.

Mit der Studie „Mapping and analyses of the current and future heating/cooling fuel deployment“ liegt nun das bisher umfassendste Zahlenwerk zum Status quo des Energieverbrauchs für die Wärme- und Kälteerzeugung in der EU sowie ihrer Entwicklung bis 2030 vor. Das Fraunhofer ISI baut in aktuellen Projekten im EU-Forschungsprogramm Horizon 2020 auf dieser Grundlage auf und forscht weiter zu möglichen Pfaden einer EU-weiten Wärmewende. Zu den wichtigsten Projekten in diesem Zusammenhang gehören Heat Roadmap Europe, progRESsHEAT und HotMaps. Weitere Informationen zum Projekt „Mapping EU heat supply“ sowie die Studie zum Download gibt es auf www.isi.fraunhofer.de/isi-de/x/projekte/mapping-heating_331945.php.