Fraunhofer ISI

Experten warnen: Ein Stopp der Förderung marktnaher Erneuerbarer Energien verteuert die Energiewende

26.4.2017

Die zukünftige Förderung erneuerbarer Energietechnologien mit hoher Marktreife wie Onshore-Wind- oder Photovoltaikanlagen wird derzeit immer wieder kritisch hinterfragt. Dies geschieht aber nur selten anhand von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Deshalb nehmen Expertinnen und Experten des Fraunhofer ISI und anderer Forschungseinrichtungen auf Basis empirischer Studien zur laufenden Diskussion Stellung: In einem jetzt veröffentlichten Bericht kommen sie zu dem Schluss, dass die wettbewerblich ausgestaltete Förderung fast marktreifer erneuerbarer Energietechnologien nach 2020 beibehalten werden sollte – auch, um die Kosten für die Energiewende zu senken.

Erneuerbare Energietechnologien mit hoher Marktreife wie Onshore-Wind- oder Photovoltaikanlagen sollten nicht mehr weiter gefördert werden – so lautet eine derzeit häufig geäußerte Forderung von Kritikern. Diese argumentieren unter anderem, dass die Kosten für die Energiewende durch eine Abschaffung der Förderung insgesamt deutlich geringer ausfallen würden. Laut der Kritiker sollten sich fast marktreife erneuerbare Energietechnologien alleine über Einnahmen im Strommarkt und über die indirekte Wirkung des Emissionshandels, der fossile Energieträger im Vergleich zu erneuerbaren Technologien schlechter stellt, finanzieren.

Aufgrund immer wieder ähnlicher Argumente haben Expertinnen und Experten des Fraunhofer ISI, des CSIC, der TU Wien, von Ecofys, CEPS und ECN überprüft, welchen empirischen Gehalt die Förderkritik hat. Im Rahmen des von der Europäischen Union geförderten Forschungsvorhabens „Towards2030-dialogue“ entstand der Bericht "Do almost mature renewable energy technologies still needdedicated support towards 2030?". Darin wird der Frage nachgegangen, ob die direkte Förderung von Erneuerbaren Energien mit hoher Marktreife bis 2030 weitergeführt oder aufgegeben werden sollte und welche Argumente dafür beziehungsweise dagegen sprechen.

Auch neuere Onshore-Wind- und Photovoltaikanlagen haben noch ein deutliches Kostenreduktions- und Lernpotenzial

Nach der Auswertung eigener und fremder Studien plädieren die Autorinnen und Autoren klar für eine Beibehaltung der aktuellen Förderung fast marktreifer erneuerbarer Energietechnologien. Dr. Anne Held, Projektleiterin am Fraunhofer ISI und Mitautorin des Berichts, erläutert einige Gründe, die für die weitere Förderung sprechen: "Auch neuere Onshore-Wind- und Photovoltaikanlagen haben noch ein deutliches Kostenreduktions- und Lernpotenzial, weshalb wir diese Technologien als nicht vollständig ausgereift ansehen. Die Fördermaßnahmen können zu weiteren Innovationen und technologischen Verbesserungen führen, welche die Gesamtkosten der Energiewende langfristig reduzieren und diese vorantreiben würden. Im Gegensatz dazu sind die Anreize durch den Emissionshandel momentan noch nicht ausreichend, diese Kostensenkungen längerfristig anzuregen." Konkrete kosteneffiziente Effekte durch die Fördermaßnahmen ließen sich vor allem durch die Reduzierung der Kapitalkosten von fast ausgereiften erneuerbaren Energietechnologien erreichen. Sinnvoll ausgestaltete Fördermaßnahmen können vor allem die Investitionsrisiken reduzieren, die wiederum Renditeanforderungen von Investoren und damit Finanzierungskosten senken.

Erneuerbaren-Förderung ist nicht Hauptursache für Preisverfall auf Strom- und Zertifikatsmärkten

Da bei der Nutzung von Wind- und Sonnenenergie keine Brennstoffkosten anfallen, die Preisbildung am Strommarkt jedoch basierend auf den variablen Kosten, also den Brennstoffkosten und den laufenden Betriebs- und Wartungsausgaben erfolgt, wirken erneuerbare Energien grundsätzlich dämpfend auf den Strompreis. Ähnlich führt der Ausbau Erneuerbarer Energien zu einer geringeren Nachfrage an Emissionszertifikaten im Stromsektor und somit zu einem niedrigeren Zertifikatepreis. Im Hinblick auf die Bedeutung dieser Effekte unterstreichen die Expertinnen und Experten, dass entgegen der Meinung vieler Kritiker die Förderung von Erneuerbaren Energien in der aktuellen Situation nicht die Hauptursache für sinkende Preise auf den Strom- und C02-Zertifikatsmärkten ist. Stattdessen sind für niedrige Strommarktpreise weitere Faktoren wie eine geringere Stromnachfrage als Konsequenz der Wirtschafts- und Finanzkrise oder sinkende Preise für fossile Brennstoffe und Emissionszertifikate verantwortlich. In diesem Kontext schlagen die Autorinnen und Autoren vor, die Förderinstrumente künftig besser auf das Überangebot auf den Strommärkten anzupassen. Eine erhöhte Flexibilität der Förderung würde somit ein Reagieren auf künftige Marktveränderungen erlauben.

Was die künftige Förderung fast marktreifer erneuerbarer Energietechnologien anbelangt, hat beispielsweise eine wettbewerbliche Bestimmung der Förderhöhe für Erneuerbare Energien über Ausschreibungen den Vorteil, dass die Förderkosten bei ausreichendem Wettbewerb automatisch auf sinkende Technologiekosten reagieren. Des Weiteren lässt sich beispielsweise auch die Fördermenge kontinuierlich an den Ausbaubedarf anpassen, ohne dass das Investitionsklima gehemmt wird: Änderungen der Auktionsmengen sollten jedoch graduell erfolgen und mit ausreichend zeitlichem Vorlauf kommuniziert werden, um stabile Investitionsbedingungen nicht zu gefährden. Bei ausreichend starkem Wettbewerb und entsprechender Technologiekostenentwicklung können Auktionsergebnisse bei einer Förderhöhe von Null ein Hinweis dafür sein, ab wann keine finanzielle Unterstützung bestimmter Erneuerbarer Energien mehr nötig ist.